« Previous | Next »
Wer ist hier eigentlich kriminell?
Veröffentlicht am 08/12/10
Das Thema WikiLeaks beschäftigt mich nun schon seit Monaten und eigentlich stehe ich nur noch mit offenem Mund da. Ich bin fassungslos. Neben dem unerträglichen Depeschen Inhalten, bin ich entsetzt darüber wie hier Rechtsbeugung betrieben wird und Unternehmen zur Exekutive ohne jegliche rechtliche Grundlage mutieren.
Aber eins nach dem anderen…
Ich finde den Depeschen Inhalt unerträglich, weil er zeigt, mit was für einer Selbstherrlichkeit zum Beispiel König Abdullah sozusagen bei einem Glässchen Tee, völlig selbstverständlich, von den USA einfordert den Iran zu bombardieren. Das muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen… Da komme ich mir vor wie in einem ganz schlechtem Film.
Dieses Beispiel zeigt wie krank die Diplomatie in sich selbst ist. Hier ist „Heilung“ dringend erforderlich, sonst sehe ich unsere Demokratien in höchster Gefahr. Da will ich eigentlich gar nicht mehr weiterlesen in all diesen Depeschen. Soviel Krankes ist für mich gar nicht zu ertragen. Aber wegschauen ist eben auch keine Lösung.
So nun zum anderen…
WikiLeaks hin oder her, handelt nach meinem Rechtsverständnis nicht illegal, aber dies ist nur meine Laien-Meinung und das müssen Gerichte final klären. Ob WikiLeaks verantwortlich handelt, ist eine andere Frage. Auch dazu werde ich noch einen Artikel schreiben, denn auch dazu habe ich eine Meinung.
Heute und hier geht es mir um das Gebaren der amerikanischen Politik und namhafter Unternehmen. Denn ich glaube sie wissen gar nicht was sie da gerade tun.
WikiLeaks arbeitet genauso wie jedes andere Medium auf dieser Welt. Es gehört zum journalistischen Tagesgeschäft, dass Informationen vertraulich, auch anonym, zugetragen und dann publiziert werden. WikiLeaks hat diese Art und Weise perfektioniert, mit den technischen Möglichkeiten, die heute zur Verfügung stehen.
Durch das Internet bleibt heut zu Tage nichts mehr geheim, ausser man hat Glück. Jeder kann heute zum sog. Whistleblower werden. Jeder.
Meiner Auffassung nach, ist die Arbeit von WikiLeaks in großen Teilen von den Menschenrechten gedeckt, insbesondere durch die Informations- und Meinungsfreiheit. Diese Rechte sind bindend für alle Mitgliedstaaten der UN, die diese ratifiziert haben. Auch die Vereinigten Staaten von Amerika haben am 5. Oktober 1977 den sog. ICCPR-International Covenant on Civil and Political Rights Vertrag unterzeichnet.
Hinzukommt, dass in den USA durch den 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten die Pressefreiheit garantiert ist.
Seit Tagen höre und lese ich wie kriminell doch WikiLeaks ist. Manche Politiker lassen sich sogar dazu hinreißen zu einem Mord aufzurufen. Bei all dem Hoopla möge mir doch mal bitte jemand sagen, gegen welches geltende Recht WikiLeaks verstoßen haben soll?
Ich kann nicht erkennen, dass WikiLeaks gegen geltendes Recht verstoßen hat. Ein Verräter, wie fleissig in den USA proklamiert, kann WikiLeaks auch nicht sein und Herr Assange erst Recht nicht, weil sie keine Staatsbürger der USA sind.
Soweit mein persönliches Rechtsverständnis.
Und nun schauen wir uns mal die andere Seite an. Diverse Maßnahmen wurden in den letzten Tagen gegen WikiLeaks initiert. Der Guardian hat dazu eine sehr aufschlussreiche Timeline Online gestellt.
Aber der Vogel wurde heute bei der Le Web abgeschossen. Da antwortet doch Vice-President of Platform, Osama Bedier von PayPal Inc. auf die Frage „Warum PayPal die Geschäftsverbindung aufgekündigt hat?“, dass das State Department interveniert hat und Paypal deshalb die Geschäftsbeziehung zu WikiLeaks eingestellt hat.
Auf welcher Rechtsgrundlage bitte? Wo ist die Anklage, wo ist ein rechtskräftiges Urteil und was um Himmelswillen hat bitte das State Department damit zu tun? Das ist ja ungefähr so als würde Herr Westerwelle bei der Commerzbank anrufen und sagen „Schliessen Sie das Spendenkonto von WikiLeaks“. Ich frage noch mal: Auf welcher Rechtsgrundlage bitte?
Das ist, meiner Ansicht nach, Amtsanmaßung und Missbrauch eines politischen Amtes. Oder kurz gesagt Repression. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde unter anderem geschaffen um Macht klar zu beschränken und ein Machtmissbrauch gegen Einzelpersonen oder eine Menschengruppe zu verhindern.
Und was sehen wir in den letzten Tagen? Ich muss mir wirklich die Frage stellen, wer hier kriminell ist.
Hier werden illegaler Weise Unternehmen von einem Ministerium in eine exekutive Rolle versetzt. Entschuldigung! Auch in den USA ist die Exekutive klar geregelt: Die oberste Exekutive in den USA ist der Präsident und nicht das Aussenministerium und schon gar nicht privatwirtschaftliche Unternehmen die ohne jegliche Rechtsgrundlage handeln. Da nutzt dann auch nicht der Verweis auf irgendwelche AGBs, denn bisher gibt es kein Urteil gegen WikiLeaks für unrechtmäßiges Handeln. Gleiches gilt übrigens auch für Mastercard, Amazon und Visa und nicht nur für das Geschäftsgebaren von PayPal.
So und nun kommen wir zu dem eigentlichem Punkt der mich entsetzt:
Legislative, Judikative und Exekutive werden im Falle von WikiLeaks komplett ausgehebelt. Einfach so, ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Die Gewaltenteilung ist das Fundament einer jeden Demokratie. Auch in den USA ist die Gewaltenteilung fest in der Verfassung verankert…
Und all das wird nun einfach über Board geworfen? Einfach so. Und wir nehmen das einfach so hin? Wir hinterfragen dieses Gebaren nicht? Wollen wir sowas wirklich als gegeben und rechtmäßig hinnehmen?
Ich nicht.
PS: Ich freue mich hier über jegliche juristische Expertise
Das war's. Und nun?
Teil’ mir mit, was du von diesem Posting hältst, lass’ deinen Kommentar da oder abonniere meine Beiträge.
Kommentare zu "Wer ist hier eigentlich kriminell?"
16 Kommentare
Bene
08/12/10
mich erinnert die Wikileaks-Affäre immer wieder an die Pentagonpapiere in der WP und der NYT.
Damals hat die Pressefreiheit wieder und wieder, bis zum Supreme-Court, gegen die Regierung gewonnen, trotz Dokumenten, die angeblich gegen die “Nationale Sicherheit” vorstoßen würden.
Katharine Graham hat vor Studenten zu den Pentagonpapieren (und ich finde, die kann man sehr gut durch die Depeschen ersetzen) noch immer richtige Sätze gesagt:
“Die ernüchternde Realität sieht so aus, dass der in den Pentagon-Papieren (Depeschen) enthüllte Prozess genau jener Prozess ist, nach dem die meisten Regierunggeschäfte immer noch ablaufen. Den Vorsatz – Nie wieder Vietnam – (Irak Krieg, Iran bombardieren, …) können wir von ganzem Herzen unterstützen, doch wenn wir das dahinterliegende System (Diplomatie heute) nicht zeigen und im Licht der Öffentlichkeit genau untersuchen, wie es funktioniert, wird dieser Vorsatz leider eine hohle Phrase bleiben.” (1971)
JoPhi
08/12/10
hiho,
superklasse!! stelle mir seit einiger zeit die selben fragen! bin kein rechtsexperte; trotzdem: ohne gesetz kein urteil, ohne urteil keine strafe… danke für den tollen artikel!
dee544
08/12/10
Hallo,
Dein Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf. Wikileaks ist nie verurteilt … nennen wir das laufende Verfahren doch einfach Rufmord ..
Rechtlich gesehen ist es ganz einfach: Geheimnisse zu verraten ist strafbar, sie entgegen zu nehmen und zu veröffentlichen jedoch nicht
Claudia
08/12/10
Nabend,
ich finde wir müssen uns nun einige Fragen stellen und debattieren. In der Causa WikiLeaks stellen sich ganz grundlegende Fragen… wir können das als freie und demokratische Gesellschaft nicht einfach so hinnehmen.
Auch in der Zeit gibt es heute einen sehr guten Kommentar zum Thema:
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-12/assange-wikileaks-informationsfreiheit
Enrico
08/12/10
Tja Claudia, das Internet ist eben für manche doch ein rechtsfreier Raum. Allerdings nicht für Blogger oder andere Publisher, sondern für Konzerne und Regierungen.
Es ist in jedem Fall eine bedenkliche Situation.
bytehole
08/12/10
Sehe das genauso.Vielen Menschen ist nicht klar um was es momentan geht.Diese Schlacht darf nicht verloren gehen.
Hier steht die Demokratie sowie die Presse-und Meinungsfreiheit auf dem Spiel.
Was sich da momentan abspielt,hat nichts mehr mit Demokratie oder einem Rechtsstaat zu tun und muss mit allen Mitteln bekämpft werden.
Der moderne “Krieg” wird nicht mehr auf dem Schlachtfeld ausgetragen sontern im World Wide Web.
Und hier sehe ich einen Angriff auf grundlegende Rechte aller Menschen und den Versuch Kritiker oder Unbequeme Menschen einfach mundtot zu machen.
Dies alles erinnert mich irgendwie an China oder Nord-Korea.Da sind solche Praktiken an der Tagesordnung.Wer will das????
Gruss
Bytehole
Alex Rubenbauer
08/12/10
Sehr schöner Artikel, der die richtigen wunden Punkte anspricht.
Peter
09/12/10
Hallo,
vielen Dank für Deine Ausführungen. Das trifft ziemlich exakt, was mir zu der ganzen Sache in den letzten Tagen und Stunden durch den Kopf gegangen ist.
Gruß
Peter
Zitatezitator
09/12/10
Da sieht man wenigstens mal, wer mit wem kooperiert…
KK
09/12/10
Hallo,
ich finde die Kommentare wirklich interessant. Aber sie in weiss auf hellgrün zu lesen ist wirklich unerträglich, weil die Augen irhendwann anfangen zu flimmern.
Stefan
09/12/10
Sehr gut zusammengefasst.
Und irgendwie erinnert es mich an die Zeit nach nineeleven, als nicht nur die USA uns klar machen wollten, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt.
Weiß noch nicht so genau, wo das alles hin führt…
Die Woche im Rückspiegel – 49. KW « kadekmedien's Blog
10/12/10
[...] Das private Blog von Claudia Sommer » Wer ist hier eigentlich kriminell? [...]
ChaosGeek
20/12/10
We open governments – without being open to you!
Ungeachtet der Tatsache, dass WL nicht so schnell abzuschalten ist sollte man sich doch etwas mehr Gedanken darueber machen wen man unterstuetzen will und welche Gefahren von so einer Plattform wie WL ausgehen. Die etwas andere Ansicht findest du bei mir! Transparenz ja – aber nicht auf Kosten der Rechte Anderer!
Jewel Mooney
23/12/10
Sehr gut zusammengefasst. Und irgendwie erinnert es mich an die Zeit nach nineeleven, als nicht nur die USA uns klar machen wollten, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt. Weiß noch nicht so genau, wo das alles hin führt…
Tanja
04/11/11
Mit Wikileaks beschäftige ich mich auch grad wieder und finde es schon traurig, dass sie den Julian Assange nach Schweden ausliefern wollen. Ich hoffe, dass er doch noch einen Weg findet, um die Auslieferung herum zu kommen.
Vanessa Klüber
16/12/11
Liebe Claudia,
interessanter Artikel! Ich bin von der Uni Düsseldorf und wir machen eine Studie zum Thema Demokratie, Medien und Geheimnisse in der Politik. Ich würde mich deshalb freuen, wenn Sie an der Studie teilnehmen könnten. Schicken Sie mir dazu Ihre Mailadresse – ich schicke Ihnen dann einen Link zum Fragebogen? Mehr zur Studie erfahren Sie in meiner Mail. Bei Fragen melden Sie sich gerne!
MfG
Vanessa Klüber
Sag mir was Du denkst!