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Warum Spiegel verlogen argumentiert
Veröffentlicht am 22/02/09
Spiegel Online beschwert sich heute lautstark über den nicht vorhandenen Kampf der Webgemeinde für ein reformiertes Urheberrecht. Zitat: „Doch für eine Modernisierung kämpft niemand – es ist ja viel leichter, geltende Gesetze online zu ignorieren.“
Hintergrund des Artikels ist der Prozess gegen die Betreiber von Piratebay.
Nur kurz zur Ergänzung für die Spiegel Online Redaktion: Es existiert bereits seit einiger Zeit ein sehr innovativer Ansatz der „Webgemeinde“ zur Reformation des Urheberrechts. Recherchieren Sie mal im Internet nach Creative Commens. Na, fällt der Groschen? Die Behauptung, die die Spiegel Online Redaktion somit aufstellt, ist nicht nur falsch, sondern gleichzeitig unverschämt oder einfach nur schlecht recherchiert?
Doch noch eine andere Frage: Ist es die originäre Aufgabe der Webgemeinde sich um ein realitätsnahes Urheberrecht zu bemühen? Klingt es unverschämt zu behaupten, dass sowohl Medienkonzerne und Verlage ebenfalls in der Verantwortung stehen, wie z.B. der Spiegel? Haben wir ihren Beitrag zu diesem Thema überhaupt schon mal präsentiert bekommen? Wahrscheinlich nein, denn die o.g. Branchen beschäftigen sich in den letzten 10 Jahren lieber mit Besitzstandswahrung. Sind es nicht genau diese Branchen, die Kunden und potentielle Kunden zu Verbrechern deklarieren, sie mit Urheberrechtsklagen überziehen und jeglichen Fortschritt mit allen Mitteln unterbinden. Wenn das ihr Beitrag ist, sollte die Webgemeinde den Hut vor ihrer unglaublich innovativen Leistung zur Modernisierung ziehen.
Liebe Spiegel Online Redaktion, wälzen sie die Verantwortung nicht einfach auf den allgemeinen Webnutzer ab, sondern kehren vor ihrer eigenen Haustüre. Gleichzeitig sollten sie sich zukünftig auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: (gründlich) recherchieren, inhaltlich korrekt darstellen und nicht lügen!
LESETIP:
Marcel Weiss von netzwertig hat sich sehr ausführlich diesen Themas angenommen, exellenter Artikel!
Das war's. Und nun?
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Kommentare zu "Warum Spiegel verlogen argumentiert"
10 Kommentare
Alex Schestag
22/02/09
Überwiegend stimme ich dir zu. Der Spiegel hat aber leider in einem Punkt nicht ganz Unrecht. Es gibt im Netz tatsächlich eine Glorifizierung von Urheberrechtsverletzungen. Viele, die sich z. B. im Heise-Forum äußern, würden den Rechteinhabern am liebsten alle ihre Rechte nehmen und das Urheberrecht ganz abschaffen wollen. Und so geht’s halt auch nicht
M. E. sind beide Seiten im Unrecht, die, die Rechteinhabern alle ihre Rechte an ihren Werken absprechen, und die Rechteinhaber, die sich auf Besitzstandswahrung versteifen und sich einer Reform des Urheberrechts verweigern.
Lesetipp: “Warum Spiegel verlogen argumentiert” : Politik im Web
22/02/09
[...] Claudia Sommer zum Thema Urheberrecht im Web und der Sichtweise des Spiegels: “Warum Spiegel verlogen argumentiert” [...]
Daniel Schultz
22/02/09
Konrad Lischka sollte mal diese Interview lesen:
http://www.telemedicus.info/article/1134-Es-kann-nur-besser-werden-Alternativen-zum-Urheberrecht.html
Im übrigen halte ich relativ wenig davon, dass Politiker technische Realitäten ignorieren und meinen ein rechtliches Korsett würde alles in passende Form bringen.
Warum die Datenpiraten verlogen argumentieren - » Blog Archiv
23/02/09
[...] Warum die Datenpiraten verlogen argumentieren – » Blog Archiv [...]
fluppy
23/02/09
Der Spiegel ist für mich schon lange kein seriöses Magazin mehr. Es werden vor allem Interessen von Sponsoren bedient. Schlimm ist, dass dem Spiegel von vielen immer noch so eine Bedeutung beigemessen wird.
Torsten
24/02/09
a) das schreibt sich “Creative Commons”
b) das ist eine Lizenz, kein Urheberrecht.
Claudia Sommer
24/02/09
@Torsten
A) Danke für den Hinweis
B) Niemand hat dies behauptet
Beides ändert nichts an dem groben Unfug des Spiegel Artikels, der reinste Propaganda der Content-Industrie ist
André
24/02/09
Also mal ganz ehrlich: Ich würde diesen Spiegel-Artikel so wie er ist unterschreiben. Die hier aufgeführten Argumente bestätigen ihn teilweise sogar.
Das möchte ich natürlich begründen
1. Creative Commons, GPL & Co. sind Lizenzen, die gemacht wurden, um Autoren die Möglichkeit zu geben, ihre Inhalte im Internet zur Verfügung zu stellen, frei nutzbar zu machen und dennoch ein paar klare Regeln aufzustellen. Beispiele sind die Bindung des Materials an eine Namensnennung oder die Auflage, das neue Material bei Weiterverarbeitung unter gleichen Bedingungen zu veröffentlichen. Dies alles hat aber nichts mit dem Urheberrecht zu tun (dieses bleibt auch bei CC & Co. beim Autor), sondern sind lediglich Nutzungsbedingungen. Außerdem sind sie nur unzureichend für eine kommerzielle Nutzung des eigenen Werkes geeignet. Kann ich z.B. Software noch kostenlos ausgeben und Geld mit dem Support verdienen, so schaue ich als Autor in die Röhre, falls ich z.B. ein Musikstück zur freien Weitergabe ins Netz stelle, davon aber leben muss.
2. Die Branchen sind mit bestehenden Gesetzen sehr zufrieden, würden sich eher noch eine Verschärfung wünschen. Wieso sollten diese nun für eine Alternative kämpfen? Es ist doch die Webgemeinde, die etwas anderes will – dann sollte sie auch ein Konzept vorstellen können, von dem alle profitieren würden. Fraglich ist nur, ob es ein solches Konzept gibt. Das bisherige Modell ist vielleicht nicht modern, aber ich kann am Prinzip “Wir haben ein Produkt, wer es haben will, zahlt dafür” nichts verwerfliches entdecken.
3. Es wird verlangt, dass die Branchen qualitativ hochwertige Ware zu einem günstigen Preis über moderne Vertriebswege ohne irgendwelche Kopierschutzvorkehrungen vertreiben. Würde man dies erfüllen, würde auch niemand (oder würden deutlich weniger) Raubkopien benutzen. Im Videospielbereich hat dies ein Independentlabel probiert: World of Goo (ein qualitativ hochwertiges Spiel) wurde zu einem absolut fairen Preis ohne Kopierschutzmaßnahmen über das Internet verkauft. Es dauerte keinen Tag, bis es bei den einschlägigen Portalen erschien. Zwar konnten die Entwickler tatsächlich vermelden, dass einzelne sich gemeldet hätten, “sie hätten eine Raubkopie gehabt und waren so überzeugt, das sie es gleich gekauft hätten”. Dumm nur, das die Gesamtzahl der Raubkopien ebenso erschreckend war, wie bei anderen Titeln auch. Zwar versucht der Hersteller den Zahlen etwas postives abzugewinnen (immerhin sind es nicht mehr Raubkopien, als es wohl mit Kopierschutz gewesen wären, wordurch Kopierschutzmaßnahmen offensichtlich wirklich überflüssig wären), aber den Robin-Hood-Mythos widerlegen die Webnutzer bei geschätzten 90% Raubkopien selbst: http://www.4players.de/4players.php/spielinfonews/PC-CDROM/9550/1862973/World_of_Goo.html
4. Es leuchtet mir absolut nicht ein, wieso ein Produkt, das die obigen Bedinungen nicht erfüllt (oder sogar nicht absolut frei ist), einfach kopiert werden darf (nach Argumentation der Webgemeinde, nicht nach geltendem Recht). Wie ein Autor/Vertrieb ein Produkt auf den Markt bringt, ist doch letztlich seine Sache. Passt dies dem Konsumenten nicht, so ist das doch kein Grund, das Produkt zu klauen. Man kann doch auch ganz “klassisch” als Kunde abstimmen: Nicht kaufen (ohne sich eine Raubkopie zu besorgen).
5. Die Branchen reagieren doch. Vielleicht langsamer, als sich dies manch einer wünscht, aber es passiert. So gibt es bereits unzählige Möglichkeiten, online Einzeltitel als MP3 zu kaufen. Teilweise sehr günstig und mittlerweile immer öfter ohne irgendwelche DRM-Gängeleien. Dem Erfolg der Tauschbörsen tut dies aber anscheinend keinen Abbruch.
Nur zur Klarstellung: Auch ich ärgere mich über überteuerte CDs, auf denen nur ein Lied wirklich gut ist. Auch ich ärgere mich, wenn ich 50€ für ein PC-Spiel ausgebe und es nur dreimal installieren darf, bevor ich eine kostenpflichtige Hotline anrufen muss. Auch mich stört es, wenn meine neue Audio-CD dank verschiedener Kopierschutzmaßnahmen nicht am PC abgespielt werden kann bzw. ich die Titel nicht ohne weiteres auf meinen MP3-Player bekomme. Für all das kann man die Industrie/Autoren/Labels/… anprangern. Es ist aber kein Grund um bestehendes Recht zu beugen oder gar zu brechen, auch wenn es gerade nicht der eigenen Auffassung entspricht. Das ist das Ergebnis eines im Internet verschobenen Rechtsverständnisses – oder wie der Spiegel schreibt: Was einem nicht passt, wird ignoriert.
Claudia
26/02/09
@André Danke für diesen wirklich tollen Kommentar! Sicherlich hast Du Recht in Deiner Argumentation, wenn man voraussetzt dass der/ein Markt sich nicht verändert hat oder nicht in Veränderung ist.
Jedes Unternehmen muss reagieren, wenn sich der eigene Markt verändert, denn dies ist überlebensnotwenig. Ein Markt kann sich auch völlig in Luft auflösen. Beispiel: Wikipedia hat den Markt für Lexikas fast ausradiert.
Die Musik- und Medien-Industrie hat diesen Prozess völlig verpennt und kaum ein adäquates Produkt für ihre Märkte.
Stephan
17/03/09
Hallo Claudia,
mir gefällt dieser Diskurs ausserordentlich und ich muss auch warnend vorweg erwähnen, dass dies hier Ausnahmsweise ein recht langer Exkurs meinerseits ist, den ich mir, weil das Urheberecht so vieles im Leben tangiert, nicht sparen möchte.
Grundsätzlich neige ich wohl eher zum (Web-)Piraten. Aber nie ohne, wie ich finde, fairen Umgang mit der wohl unfreiwilligen Anarchie im Netz. Bei Software ist es mir, wie vielen anderen auch schon, vor einiger Zeit gelungen mein Lebens- und Arbeitsumfeld fast frei von, für mich unbrauchbaren Lizenzbedingungen zu gestalten. Wie man sich sicher schon denken kann, ist der bekannteste Baustein dieser Lösung, OpenSource-Lizenzensierte Software, also quell-offene und je nach Lizenz (und Qualität
) auch weiterverwertbare Software. Was hat das für mich als Laie mit Urheberrecht zu tun ?
Die Entwicklung auf diesem Gebiet strotz nur so von real funktionierenden alternativen Lösungen für alle möglichen Urheberrechtsfragen, gar hin bis zu gesellschaftlich relevanteren Themen. Ich Überlege manchmal, wie es wohl wäre in einem quasi quell-offenen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu leben, bei denen ich als Verbraucher die Wahl habe, von welchem Anbieter ich mir die Umsetzung von dem Opensource-Produkt XY kaufe. Einem System in dem die auch die Regierung transparent arbeitet – ist ja auch nur eine grosse Firma. Der Wirtschaftsteil lässt sich für mich zunächst leichter umreissen: Vermutlich wird der Hersteller der den lizenzbedingten gemeinschaftlich ständig verbesserten Plan für Modell XY am besten umsetzt, auch solange er dies “durchhält” den meisten Zuspruch bekommen. Das muss nicht heissen, das dieser Hersteller die qualitativ hochwertigste Variante des Modell XY herstellt. Vielleicht ist es ja auch die kostengünstigste oder die umweltschonendste oder wer weiss was für eine Variante ? Entscheidend dabei ist doch, das mir als (End-?)Verbraucher die vielen Verbesserungen der einzelnen Lösungen früher oder später bei entsprechender Nachfrage auch als Gesamtlösung zur Verfügung stehen. Wenn nicht, dann sorgt wenigstens die durch die implizierte Transparenz bedingte hohe Standardisierung von Opensource dafür, dass Märkte für Dritt-Dienstleister entstehen können, die wiederum mir dann zu meinen individuellen “Glück” verhelfen können … ich mach mir jetzt sicher nicht viele Freunde, aber für mich sind neben den unzähligen wirklich freien Antriebskräften der OSS-Gemeinde – Linus mit Linux vorneweg – gerade die erfolgreichen Produkte von Firmen wie Google oder Apple exzellente Beispiele dafür, das Lösungen für Urheberrechtsproblemen oft längst da sind oder sich basierend auf diesen Erfahrungen finden lassen müssten … es fehlt schlichtweg, wie auch Claudia bemerkt, zu oft am Willen.
Ich bin mir bewusst, dass diese Gedanken Risiken, aber viel mehr noch grossen Widerstand in sich bergen. Opensource schütz nicht vor riskanter Eliten-Bildung. Meritokratien werden mitunter sogar begünstigt, wenn nicht sogar gebraucht, weil die Komplexität moderner Problemlösungen oft den Geist des Einzelnen sprengen und nur noch hochspezialisierte Eliten wirkliche Veränderungen bewirken können. Die Apache-Sofware-Foundation (Motto: “Meritocracy in Action.”, http://apache.org/ ) mit all den wunderbaren Lösungen beweist dies meines Erachtens mehr und mehr. Das heißt jetzt nicht das ich was gegen deren Entwicklungen hätte (eher 100%iges Gegenteil), ich sehe es halt und fühle mich nicht sonderlich behaglich mit so manchen Auswüchsen. Ausserdem liegt es zwar in der Natur von Opensource Standards zu setzen und somit auch Widerstände von Monopolisten mehr und mehr zu brechen, aber bei unverändert bestehendem Patentwesen (für mich die Königsklasse des Urheberrechts) werden die unvermeidlichen Veränderungen noch so lange zäh vorangehen, wie für die davon tangierten Patent-Lösungen keine tragbaren Opensource-Alternativen gefunden sind.
Auf vielen Gebieten gibt es für mich auch noch keine erkennbaren größeren Lösungsansätze, wie z.B. in der Medizin. Aber was Musik und andere kreative Schaffensprozesse angeht, hat das Internet neben den CC-Lizenzen auch schon Vorschläge und Möglichkeiten zu bieten, bei denen man gar nicht erst ein restriktives Urheberrecht anwenden muss. Und wer das richtig umsetzt hat damit auch Erfolg. Wer allerdings immernoch glaubt, man kann im Internet ohne Arbeit und Verstand auf Knopfdruck reich werden, wie es Content-Monopolisten (die Spon’s dieser Welt) glauben, hat sich geschnitten ! Ich bin überzeugt davon, dass an der Quelloffenheit und der damit automatisch verbundenen Urheberrechtsproblemlösung – kopieren ist ja bei den meisten OSS-Lizenzen erlaubt, solange die Lizenzbedingungen gewahrt bleiben – allein schon deshalb kein Weg vorbei führen kann, weil die alltäglichen Techniken immer komplizierter werden. Wir müssen den kommenden Generationen ja schliesslich noch beibringen, wie unsere Welt funktioniert. Und diese wiederum sollen dies ja auch nachhaltig fortführen können, oder etwa nicht ? Wie soll das ohne Opensource-Basis möglich sein ? Für Schüler und Studenten doch kaum mehr wegzudenken und sei es nur Wikipedia als leider recht unzuverlässiger(!?) Enzyklopädie-Ersatz ? Für mich ist freie reichhaltige Bildung für alle die dies wollen, basierend auf zuverlässigen Quellen der Schlüssel zu dem Erfolg des ganzen. Die zuverlässigste Quelle die ich kenne, ist wohl die Quelle selbst: Für Software-Entwickler ist dies OpenSource-Software, frei nach dem Motto “Use the force, read the source!”. Letztendlich, und da komme ich jetzt wieder auf Claudia’s Beitrag zurück, ist es antiquiertes Urheberrechts fast ausschliesslich zum Zweck der Besitzstandswahrung (manchmal auch Investitionssicherung genannt) das diese Entwicklung schrecklich ausbremst … Deshalb wünsche ich mir zunächst, dass Verleger Ihre Autoren mehr/ausschliesslich Opensource-Bücher schreiben lassen – also nicht Bücher über Opensource, sondern Online als solche selbst ! Ich wette damit lässt sich, wenn man es wie alle erfolgreichen Internet-Unternehmen im grossen Stil aufzieht, ordentlich Knete verdienen und es wäre die perfekte Basis für ein offenes globales Denken und Handeln auf allen Ebenen.
Also Piraten, nur weiter so ! Um so eher eines der antiquierten (Urheberrechts-, Wirtschafts-, Bildungs-, Führungs-) Systeme kollabiert, um so eher sehe ich Chancen für Veränderungen. Unvermeidlich scheint es mir das meiste sowieso, also warum Zeit verschwenden ? Besser man passt die Systeme der Realität an, als umgekehrt ! Sorry für den Rundumschlag, globale Probleme erfordern halt nicht nur globales- sondern auch interdisziplinäres Denken …
PS.: … ich hab noch nie eine echte Uni für mehr als 10 Minuten von innen gesehen – meine Uni heisst Internet, mein Studienfach Opensource, also entschuldigt bitte die unpräzise Auffassung & Grammatik … wer mir Schelte oder Feedback geben will, kann dies gerne irgendwo im Netz tun, ich werde es vermutlich früher oder später lesen … ich sehe meine Meinung sowieso als Prozess und nicht als gegeben !
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