« Previous | Next »
Verlage braucht der Journalist nicht mehr
Veröffentlicht am 09/06/09
Gestern erlebten wir in Hamburg ein letztes und verzeifeltes Aufbäumen der Zeitungsverlage. Führende Verlage haben in Hamburg eine Resolution gegen den geistigen Diebstahl im Internet vorgelegt, in der sie fordern, eine gesetzliche Grundlage für ein Leistungsschutzrecht der Verlage zu schaffen. Der springende Punkt ist aber, das Zeitungen und Journalisten im Zeitalter des Internets bald keine Verlage mehr benötigen.
Ein Verlag vervielfältigt und verbreitet Informationen im weitesten Sinne. Kümmert sich um die “Vermarktung”. Wir wissen alle, dass Informationen sich im Internet anders verbreiten – vermarkten. Im Netz wird kein “Vermittler” mehr benötigt. Zeitungen und Journalisten können selbst und kostengünstig ihre Informationen an den Leser bringen. Und genau dieser Punkt, ist das Herzstück der strukturellen Veränderung – der Grund warum das hochprofitable Geschäftsmodell eines Zeitungverlags nicht mehr funktioniert.
Das was die Verlage gestern von der Politik eingefordert haben, ist nichts anderes als staatlich unterstützter Protektionismus eines toten Geschäftsmodells. Scheitern werden die Verlage so oder so, genau wie die Musik-Industrie gescheitert ist.
Sehr lesenswert ist übigens auch die korrigierte Fassung der Resolution von Don Alphonso
Das war's. Und nun?
Teil' mir mit was Du von diesem Posting hälst, Lass Deinen Kommtar da. Trackback URL: Verlage braucht der Journalist nicht mehr.
Kommentare zu "Verlage braucht der Journalist nicht mehr"
14 Kommentare
Fischer
09/06/09
Will ja nicht meckern, aber es ist zumindest bei mir nach wie vor so, dass die Verlage mich für meine Arbeit bezahlen, während meine Blogleser doch nur sehr unregelmäßig was rüberwachsen lassen.
Sowas schreibt sich natürlich natürlich sehr leicht, wenn man selbst ne feste Stelle in der PR hat. Vorschlag: Du kündigst deinen Job und schlägst dich n paar Monate als freie Autorin durch, ohne was an Verlage zu verkaufen. Dann reden wir da noch mal drüber…
Claudia
09/06/09
Lieber Fischer,
erstens habe ich keine Stelle in einer PR Abteilung. Ich arbeite in der IT Abteilung. Zweites geht es genau um das Thema Monetarisierung jenseits der Verlage.
Ich denke am Ende werden Journalisten besser bezahlt werden und nicht mehr ausgebeutet wie das heute leider all zu oft der Fall ist.
Und wir werden mehr Qualität und weniger PR in Artikeln haben, da auch die Macht von Media Agenturen schwinden wird
Ulrike Langer
09/06/09
Muss Fischer leider recht geben. Wir freien Autoren ballen zwar die Faust in der Tasche und wünschen uns neue Finanzierungsmodelle jenseits der momentanen Abhängigkeit von Verlagen. Doch bis (bzw. falls) es soweit ist, verdienen wir Freien unser Geld immer noch mit klassischen Medienunternehmen als Auftraggeber. Nicht einmal ein Stefan Niggemeier kann vom Bloggen alleine leben.
Journalisten benötigen zwar keine Verlage (TV-Firmen, Sender) mehr, um zu publizieren. Da hast Du recht. Aber damit auch nächste Woche der Kühlschrank noch gefüllt ist, eben doch.
Claudia
09/06/09
Liebe Ulrike,
leider ist es noch so, dass Verlage die Journalisten bezahlen. Aber auch in dieser Branche werden sich andere Erlösmodelle entwickeln. Am Ende werden Journalisten die Gewinner sein, denn sie haben etwas was Verlage nicht haben: Guten Content. Ich bin gespannt, wann wir die ersten Experimente von Journalisten zur direkten Monetarisierung sehen werden. Bloggen ist eine Art des Publizierens, aber eben kein Geschäftsmodell.
Fischer
09/06/09
Moin Claudia,
Das ist schon richtig, es gibt da nur zwei kleine Haken: Zum einen brauchen wir diese Monetarisierung nicht “am Ende”, wann immer das sein mag, sondern genau hier und jetzt.
Ich muss meine Miete ja auch nicht an irgendeinem unspezifizierten “Ende” zahlen sondern zum Monatsanfang. Und momentan ist jenseits von Verlagen und PR nullnixnada zu sehen.
Der zweite Haken ist, damit Journalisten möglicherweise irgendwann wieder besser bezahlt werden, muss es zuerst einmal weniger Journalisten geben. Angebot, Nachfrage und so. Da werden wir um eine schmerzhafte Marktbereinigung nicht herumkommen.
Summa summarum, für die notwendige Umstrukturierung werden die Verlage ein bisschen bluten. Aber das brutale Gemetzel wird bei den Journalisten passieren. Der Strukturwandel, den du hier bejubelst, der wird wie üblich auf dem Rücken derjenigen ausgetragen, die eh schon am Abgrund stehen.
Insofern passt es mir gar nicht, dass jetzt überall Leute auf kuschelweichen Vollzeitarbeitsplätzen Allgemeinplätze über die angeblich rosige Zukunft der Medien verbreiten.
Tim
09/06/09
Greenpeace ist im Grunde ein PR-Unternehmen. Insofern finde ich den Einwand von Fischer richtig.
Fischer
09/06/09
Btw, die “ersten Experimente” zur direkten Monetarisierung gibt es schon längst. Ich hab’s auch probiert. Ergebnis? Rat mal…
Also, wenn du ne tolle Idee hast wie ich mit meinem eigenen Content im Internet so etwa 1500 Euro im Monat nach Steuern zusammenkriege, ich bin dafür offen. Lass dich nicht aufhalten. Die bisherige Bestmarke ist 350 brutto.
Claudia
09/06/09
Der Punkt ist, mir als Leser wird in 99% aller Fälle gar keine Möglichkeit gegeben einen Autor finanziell zu entlohnen. Beispiel: Ich lese sehr gerne Carta.info und habe als Leser weder die Möglichkeit Carta oder einzelne Autoren für die exellenten Artikel zu bezahlen. Nichtmals einen Paypal Button gibt es da. Natürlich werde Verlage immer weniger bezahlen und die leidtragenden werden die Autoren sein. Daher verstehe ich nicht, warum es nicht den Hauch eines ernsthaften Versuchs gibt, sich davon zu emanzipieren?
Fischer
09/06/09
PayPal-Button gibt’s bei mir im Blog. Die Resonanz ist eher mäßig. Es reicht ja nicht, dass mal irgendjemand irgendwas zahlt, sondern es muss schon so etwas wie ein Einkommen dabei rauskommen. Und das ist in letzter Konsequenz eine Volumenfrage.
Das bedeutet de facto, dass mit den Monetarisierungsmodellen genau das passieren wird was mit den Massenmedien derzeit läuft: Volumencontent und der kleinste gemeinsame Nenner regieren, Randthemen werden in die Nische abgedrängt. Nur dass diese Nische in der schönen neuen Medienwelt wesentlich kleiner ist, weil da der Markt regiert und sonst niemand. Eine erfolgreiche Promi-Webseite wird jedenfalls kein Feulleton quersubventionieren.
Es scheint eine weit verbreitete Unterstellung zu sein, dass die Massenmedien so schlecht geworden sind, weil Verlagsleute dumm und bösartig sind. Aber das ist Unsinn. Die modernen Massenmedien sind das Ergebnis von betriebswirtschaftlichen Überlegungen und vor allem der Nachfrage.
Weshalb solche Zwänge plötzlich nicht mehr gelten sollen, nur weil die Journalisten auf einmal eigene Erlösmodelle haben, erschließt sich mir ganz und gar nicht.
Stephan Dörner
09/06/09
Über eins sind wir uns sicher alle einig, die das Internet schon mal für mehr benutzt haban als für eBay und Amazon: Die Resolution der Verlage ist der Gipfel des Schwachsinns und der Unverschämtheit. Der korrigierten Fassung der Resolution von Don Alphonso ist nichts mehr hinzuzufügen.
Aber: Zeitungsverlage werden auch in Zukunft gebraucht. Ich finde die Situation ist nicht ganz mit der Musikindustrie vergleichbar. Zwar werden Verlage nicht als mehr für den Vertrieb journalistischer Leistungen benötigt, wohl aber für deren Koordination. Wenn jetzt jeder Journalist bloggt, macht das noch keine Zeitung.
Ein journalistisches Angebot kennzeichnet sich auch durch die sinnvolle Zusammenstellung von Nachrichten, Kommenataren, Hintergrundinformationen usw. aus. In der Qualität, wie dies Tageszeitungen bieten, gibt es das bisher online noch nicht (vgl. http://doener.blogage.de/entries/2009/6/6/Ich-kaufe-mir-wieder-Zeitungen). Aber ich bin mir sicher, das wird kommen. Und für diese Koordinationsarbeit braucht es weiterhin Absprachen über Konferenzen, Zusammenarbeit verschiedener Journalisten, die Informationen zusammentragen usw. – und all das ist am besten über einen Verlag im Rücken koordinierbar. Und natürlich müssen diese Leistungen auch verkauft werden. Es braucht also auch eine Marke.
nilsn
09/06/09
“Und wir werden mehr Qualität und weniger PR in Artikeln haben, da auch die Macht von Media Agenturen schwinden wird.”
Vielleicht liegt aber auch genau da auch ein Problem, weil die Ansprache von PR`lern direkt an den Journalisten geht. Der ist dann finanziell abhängiger, und evtl. offener für bezahlte Artikel. Nicht schön, aber leider auch nicht so abwegig.
Ein fähiges Ertragsmodel sehe ich leider in naher Zukunft nicht wirklich, über Spenden wird es glaube ich nicht reichen. Mein Eindruck ist aber, dass Blog Ad’s für Unternehmen interessanter werden. Was sich tatsächlich in der Leserbindung und damit zusammenhängenden Verweildauer auf Blogs begründet.
Claudia
09/06/09
Hi Nils,
PRler sprechen schon heute direkt mit Journalisten. Das ist nie anders gewesen und auch heute schon werden Journalisten von PR Agenturen bezahlt. Leider ist das so, aber bei den Hungerlöhnen die manchen Autoren bekommen wundert das nicht.
Ich stimme Dir zu: Ein Patent-Rezept gibt es nicht. Aber es müssen neue Wege ausprobiert werden
Daniel Florian
09/06/09
Es wird doch am Ende des Tages vermutlich so sein, dass einige Alpha-Journis sich mit eigenen Angeboten ganz gut über Wasser halten könn(t)en, der Großteil der Redakteure jedoch eher schlechter gestellt wird. Ähnliches sieht man ja heute schon, selbst mit Verlagen: die großen Stars ziehen die Massen (in allen “künstlerischen” Berufen, der Rest läuft unter ferner liefen. Spannend wird es meiner Meinung nach im Buchmarkt werden. Meine Prognose: in den nächsten zwei, drei Jahren sehen wir den ersten Bestseller, der ohne Verlag herausgebracht wird, exklusiv, sagen wir, bei Amazon!
nilsn
09/06/09
Hi Claudia,
habe das ja selber in meinem PR-Volontariat gemacht – darf man das zugeben
– daher hast du schon völlig recht, dass der Kontakt direkt läuft. Aber es ist halt keine andere Kontrollinstanz mehr da. Das ist zumindest ein Problem.
Ist aber nur ein Punkt den ich sehe, sonst hast du schon recht. Journalisten ohne “Leine” sind wohl qualitativ besser (da keine Kontrollinstanz).
Sag mir was Du denkst!